Seit guten 1,5 Jahren bin ich nun im Besitz eines eBook Readers, genauer gesagt eines Amazon Kindle 3G. Für mich persönlich ist das Gerät zwischen Vorlesungssaal, Nebenjob und zu Hause mit die beste Anschaffung, die ich in den letzten Jahren getätigt habe. Da ich nicht nur im Freundes- und Bekanntenkreis, sondern auch in Bus und Bahn hinsichtlich meines Kindle ziemlich häufig angesprochen werde und dabei immer wieder auf die selben – teilweise sehr fragwürdigen – Vorurteile stoße, habe ich mich entschlossen zu diesem Thema einmal einen längeren Post zu schreiben.
Was sind das also für Argumente, mit denen ich immer wieder konfrontiert werde?!
1.) “Wie ist die Lesequalität bei einem eBook Reader? Das muss doch mit der Zeit sehr ermüdend für die Augen sein.”
Jein. Ganz nach dem Motto “Qualität hat ihren Preis” kommt es bei eBook Readern sehr auf das gewählte Modell an. Bei einem günstigen (Einsteiger-) Gerät würde ich diese Aussage durchaus bejahen. Die Oberfläche mancher Reader ist teilweise für die Augen schlecht ausgeleuchtet, auch lässt sich die Schriftgröße nicht unbedingt variieren. Alles Gründe, die zu einem schnelleren Ermüden der Augen führen. Für eine ausführlichere Aussage fehlen mir hier jedoch die Erfahrungswerte. Geräte der höheren Preiskategorie, wie dem Kindle 3G oder seinem Nachfolgermodell, dem Paperwhite 3G, wird eine spezielle Technologie, sog. E Ink-Displays, benutzt. Diese im Kindle verbauten Displays sind so konzipiert, dass man wie in einem tatsächlichen Buch liest. Selbst bei langem Lesen ermüden die Augen nicht.
2.) “Dein Kindle ist total unpraktisch: Emails, Internet surfen, etc. Das ist so umständlich, da wärst du mit einem iPad besser bedient gewesen.”
Wenn ich diese Aussage höre, sträuben sich mir jedes Mal wieder die Nackenhaare zu Berge. Warum? Ganz einfach: Ein Kindle ist primär zum Lesen gedacht, nicht mehr und nicht weniger. Ja, das Gerät hat zusätzliche Funktionen, wie das Abspielen von Musik oder die Möglichkeit im Internet zu surfen. Diese sind jedoch zugegebenermaßen in ihrer Anwendung nicht sonderlich ausgereift. Ich betrachte diese allerdings als nette Gimmicks, ja sogar Spielereien, die man nach Lust und Laune einmal nutzen kann. Auch wenn das Gerät weitere Funktionen anbietet, ist der vordergründige Zweck eines eReaders, Bücher, PDF Dateien, etc. zu lesen. Wenn ich ausgiebig im Internet surfen, Fotos bearbeiten oder meiner Emailkorrespondenz nachgehen möchte, verwende ich mein iPad bzw. meinen Laptop. Und habe ich Lust auf Musik, nutze ich meinen iPod. Mit letzterem versuche ich schließlich auch nicht, ein Haushaltsbuch zu verwalten oder mich via GPS an einen bestimmten Ort navigieren zu lassen.
3.) “Also, ein eBook Reader wäre überhaupt nichts für mich. Ich möchte
- beim Lesen ein Buch riechen.
- die Seiten zwischen den Fingern spüren, wenn ich umblättere.
- den Fortschritt sehen, den ich geschafft habe.
- anhand der Bücher in meinem Regal wissen, was ich jemals gelesen habe. Und das sollen auch ruhig alle sehen können. Das zeugt nämlich von Intellekt.” (Zusammenfassung der vordergründig auftauchenden Argumente von Buchliebhabern.)
Nun, ein Buch riechen. Riecht ein Buch überhaupt? Und wenn ja, nach was bitte? Druckerschwärze? Totes Holz? Und warum ist das für den Lesegenuss so entscheidend?
Die Seiten zwischen den Fingern spüren wollen: Wenn ich mit meinem Kindle lese, spüre ich diesen auch auf meiner Hand, vor allem dann, wenn ich beim Umblättern das Knöpfchen drücke.
Egal ob Buch oder eReader: Bei beiden kann man den Fortschritt der bereits gelesenen Seiten sehen. Beim Hardcover anhand der Seitenzahl, bei meinem Kindle je nach Wunsch in Form einer Prozentangabe, eines von links nach rechts fortschreitenden Balkens oder auch schlicht und einfach an der Zahl der bereits gelesenen Seiten. Wo ist da nun der Vorteil für das Buch?
Ganz ehrlich: Nur weil jemand viele Bücher in einem Regal stehen hat, sagt das noch lange nichts über dessen Intelligenz aus. Ein proppen volles Bücherregal mag durchaus Mutmaßungen über den Charakter oder die Vorlieben einer Person bzgl. einem bestimmten Genre zulassen, das will ich gar nicht bestreiten. Aber was soll mir das bitte für einen Vorteil zu einem eBook Reader bringen? Prestige und Stolz ggü. anderen, was anderes ist das in meinen Augen nicht. Und um zu wissen, welche Bücher ich jemals gelesen habe, lassen sich einfachere Möglichkeiten in Erwägung ziehen. Stichwort: Evernote, unter Umständen auch eine Excel oder Word Datei.
Zudem sei noch gesagt: Ein jedes Buch nimmt Platz weg, ob nun die kleine Taschenbuchausgabe oder der schwere Hardcover Schinken mit 600 Seiten aufwärts. Im Laufe der Zeit sammeln sich somit gefühlte Tonnen von totem Holz an, die ihr dann weiteres trauriges Dasein nach 1x lesen in vor sich hin verstaubenden Regalen verbringen dürfen. Verleihen? Nein, auf gar keinen Fall! Das Buch bekommt man eh nicht mehr zurück. Und wenn doch, dann total zerknittert und mit Fettflecken darauf. Verschenken? Mhm, ja, vielleicht. Aber nur dann, wenn ich auch ganz genau weiß, dass meine Bücher in gute Hände kommen und pfleglich behandelt werden. Und wegwerfen kann man Bücher aber natürlich auch nicht, weil man das “halt nicht tut”. So!
4.) “Ich habe gehört, dass das Umblättern mit einem eBook Reader ziemlich umständlich sein soll. Ständig zum Seitenwechsel einen Knopf drücken müssen und dann jedes Mal die sich neu aufbauende Seite, oder? Nervt dich das nicht?”
Ja, jeder eBook Reader benötigt eine Geste, die das Umblättern zwischen den einzelnen Seiten ermöglicht. Sei es nun ein Gerät mit Touchoberfläche und Gestensteuerung oder durch Bedienung anhand eines Knopfdruckes. Ebenso ist richtig, dass sich jede Seite nach dem Umblättern neu aufbaut. Dies geschieht jedoch so schnell, dass weder der Lesefluss gestört wird noch der Vorgang beim Lesen sonderlich wahrgenommen wird. Vor allem dann nicht, wenn man gerade intensiv in eine Geschichte vertieft ist. In meinen 1,5 Kindle Jahren ist mir bisher nur aufgefallen, dass das Umblättern umso langsamer dauert, je kälter die Umgebungstemperatur wird. Merklich auffallend ist das allerdings nur bei Minustemperaturen. Und wann ist man schon so verrückt und liest draußen in der bitteren Kälte? Eben!
Was gibt es sonst noch über meinen Kindle 3G (einziges Gerät mit Tastatur) zu sagen?
Hier die Vor- und Nachteile kurz zusammengefasst:
Vorteile:
- passt in nahezu jede Tasche
- leicht im Gewicht (247 Gramm)
- eine Vielzahl von Büchern immer mit dabei (mit rund 3 GB genügend Speicherplatz für weit mehr als 1.000 Bücher)
- eine Akkuladung reicht meiner Erfahrung nach für das Lesen von ca. 1,5 Büchern, wenn WLAN bzw. 3G deaktiviert ist
- neuer Lesestoff kann bequem und einfach via Amazon Kindle Shop nachgekauft werden
Nachteile:
- gekaufte Dateien unterliegen dem Kopierschutz, können also nicht an andere Leute verliehen werden
- es werden nur bestimmte Dateiformate unterstützt, vordergründig MOBI-Dateien für ebooks, des Weiteren noch PDF, Audible (Audible Enhanced (AA, AAX)), MP3, HTML, DOC, JPEG, GIF, PNG sowie BMP nach Konvertierung
- ebooks sind nur unwesentlich billiger als ihre Brüder in Papierform
- die in meinem Gerät verbaute Tastatur kommt nahezu nie zum Einsatz, maximal zum Suchen eines Werkes im Kindle Shop (sämtliche Nachfolgermodelle haben daher nur noch eine virtuelle Tastatur, was in meinen Augen auch vollkommen ausreicht)
Abschließen möchte ich mit den Worten meines Marketing Professors: “Wo kein Bedürfnis vorhanden ist, wird keine Nachfrage entstehen.” Kurzum gesagt: Wer aus welchem Gründen auch immer kein Interesse an einem eBook Reader hat, wird sich weder in naher noch in ferner Zukunft ein entsprechendes Gerät kaufen. Ich hoffe, mit meinem Artikel für die unentschlossenen Leser ein wenig Licht in die Wirrungen der Vorurteile gebracht zu haben. Die Entscheidung über den Kauf muss jedoch jeder selbst wissen.
Somit jeder Leseratte fröhlich spannendes Lesen, ob nun mit oder ohne eBook Reader.
